SF-Schubladen

Hard und soft, Inner Space, Outer Space, Cyberpunk oder Space Opera … über die Geschichte der SF hinweg haben sich zahlreiche Subgenres herausgebildet, die unseren Skriptideen eine Heimat und eine Basisstruktur geben können. Denn ich habe ja im letzten Blogbeitrag beschrieben, dass es von Vorteil sein kann, sich an gelernten Erzählstrukturen zu orientieren. Natürlich diskutieren die Fans auf Cons hitzig darüber, was jetzt unter welches Etikett gehört, aber als Leitlinie sind sie trotzdem dienlich.

FamilyTreeStarten wir unsere Übersicht mit der SF-Literatur. Aus welchen Gründen auch immer ist sie deutlich vielfältiger als die Filmwelt, und nach meiner subjektiven Meinung gibt es auch mehr gute und überraschende SF-Romane als SF-Spielfilme. Und das ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass es bedeutend preiswerter ist, einen Roman zu schreiben als einen Film zu drehen.

Meine Basiskriterien zur Ordnung der Genres sind die Achsen Inner/ Outer Space und Hard/ Soft. Hard Science Fiction ist orientiert an Naturwissenschaft und Technik (weswegen dann oft Autoren dieses Zweiges vorgeworfen bekommen, sie würden „flache“ Figuren zeichnen), die Soft Seite beschäftigt sich stärker mit dem Menschen an sich, psychologisch oder soziologisch. Outer Space ist die Weite des Weltalls, Inner Space der Fokus auf die Erde oder die Innenwelt des Menschen. Fröhlich fortschrittsgläubige Autoren gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachen mit Technik ins All auf (also Hard/ Outer), die New Wave Autoren ab den 60ern kamen politisch und anderweitig skeptisch geworden wieder zurück auf die Erde und machten sich schreibend Gedanken, wie die Zukunft und die Technik auf die Menschen und ihr Zusammenleben wirken (also Soft/Inner).

Diese Achsen beinhalten ebenso den wechselnden Blick auf die Technologie wie den Wertewandel in der Gesellschaft. Auch die typischen Subgenres Utopie/ Dysutopie sind damit verbunden. Bei manchen Autoren kann man den Wandel innerhalb dieser Achsen in der Entwicklung des eigenen Werks nachvollziehen. So starteten z.B. die Brüder Strugazki mit Atomvulkan Golkonda in den 50ern noch sehr im Schwange der technisch getriebenen Expansion ins All, wurden aber bald düsterer und auf die Innenwelt der Figuren bezogen.

Die Space Opera ist nach heutiger Sicht das Äquivalent zum Abenteuerroman, nur eben in Zukunft und Weltall. In meiner Jugend waren das noch die Romane mit den actionreichen Weltraumschlachten, was man heute als „Military“ bezeichnen würde. Aber auch hier: Nicht alles was im Weltall spielt und abenteuerlich ist, kann als Space Opera bezeichnet werden.

Bleibt noch der Cyberpunk, sehr geprägt durch die Idee der virtuellen Welten, aber eigenartig neben den normalen Kriterien liegend. Technologiebetont, aber weder optimistisch noch expansiv. Düster, aber gleichzeitig actionbetont. Dirty-Ästhetik, aber künstlich und gestylt. New Wave als 80er Jahre-Chic. Und: obwohl durch 3D und Cyberspace geprägt ein ausgesprochen literarisches Genre.

Kommen wir zum Film. Dort sehen wir diese Subgenre-Entwicklung gespiegelt. Mit den Outer-Space betonten Anfängen von Frau im Mond die dann später in Star Wars (einer Kreuzung aus Märchen & Space Opera) und Star Trek kulminierten, was heute quasi für viel  Synonyme für SF Film sind. Zu Zeiten des Space Age erlebte das natürlich einen Boom, aber genauso wie die Gesellschaft in eine pessimistischere, skeptische und kämpferische Phase rückte, sieht man mit etwas Verzögerung auch die New Wave im Film.

Wie im sonstigen Kino. Der Stil des rau inszenierten, politischen, Independent-betonten New Hollywood passt genau zu den SF-Filmen dieser Zeit wie Soylent Green oder Der Omega Man. Selbst mit Naturwissenschaft befasste Filme wie Andromeda Strain spielen auf der Erde und sind desillusioniert. Filme im Weltall wie Lautlos im Weltall klingen eher wie ein Abschied vom Weltall, und sei es durch die Folkmusik. Auch Science Fiction Filme können Autorenfilme sein und das ganz im Sinne von Inner Space. Auch das lernen wir in den 70ern.

Und der Cyberpunk? Das ist für mich das am schlechtesten im Film repräsentierte SF-Buchgenre, trotz Matrix. Wie oben angedeutet, ist für Cyberpunk der Schreibstil sehr prägend (ich habe einmal vor Jahren den Schreibstil von William Gibson genau seziert). Und der ist sehr an Sprache orientiert, fast wie es Gedichte sind und damit nur unzulänglich zu visualisieren. Nimmt man die Digitalwelt aus den Roman zu wörtlich bei der Umsetzung wirkt das kalt und ohne Tiefe.

Soweit die grobe Landkarte der SF-Genres. Ich denke, man findet sich grob zurecht. Nur, wie kommt man jetzt zu den Leitlinien für das eigene Skript?

Oft werden Science Fiction Werke über typische Elemente, über Zutaten kategorisiert, wie eben Außerirdische, Roboter, Raumschiffe, Weltall oder dystopische Überwachungsstaaten. Oder einfach das Umfeld, wie das Weltall als Bühne. Bei genauerer Betrachtung hilft uns das aber nicht weiter, weil die Grundstruktur der Story durch etwas ganz Anderes geprägt wird. Nehmen wir als Beispiel die Außerirdischen. Ist damit jetzt etwas gemeint wie Alien? Oder ET? Oder einer der klassischen Paranoia-Filme des Kalten Kriegs? Oder Contact? Oder – ganz extrem – Solaris? Überall kommen Außerirdische vor. Aber Alien ist eigentlich ein Horrorfilm (ein „Monster in the house“ nach Snyder), Contact hat mehr mit der Entwicklung der Hauptfigur zu tun als mit den reichlich virtuellen Aliens und Solaris ist ein Psychotrip, der im Roman von Stanislaw Lem noch ernüchternd über die Unmöglichkeit berichtet, mit Außerirdischen zu kommunizieren, wenn man sie noch nicht mal als solche erkennt …

Für ein Drehbuch wäre also die Basis „ich will was mit Außerirdischen machen“ nicht sehr hilfreich. Da müssen wir unsere Motive tiefergehend erforschen. Also sich fragen „Was genau interessiert mich eigentlich an diesen Außerirdischen? Visuell herausragende Weltraumgefechte? Wie wir Menschen darauf reagieren? Was wir von ihnen lernen können? Wie wir mit einer Bedrohung umgehen könnten? Was sie über das Fremde in uns selbst sagen? Oder sind sie einfach ein Vorwand, dass Menschen eine Erkenntnis haben oder eine Technologie, die uns ermöglicht, etwas Spannendes zu tun?

Selbst wenn ich unbedingt einen Science Fiction Film schreiben will, ist es also besser, sich erstmal freizumachen von der Oberfläche und den eigentlichen Grund für die Geschichte zu finden. Das ist die Basis für das Genre, das ich eigentlich suchen muss. Vielleicht ist das ein Whodunit, ein Buddy-Movie oder ein antikes Drama. Schließlich basiert Forbidden Planet auch auf einer Shakespeare-Handlung …

In diesem Genre suche ich mir dann die großen Vorbilder, die besten Filme, die prägenden Filme und analysiere ihre Struktur. Hier finde ich das Gelernte, die Sehgewohnheiten, die nicht so einfach zu überbügeln sind. George Lucas hat sich für die Kampfszenen aus Star Wars unzählige der tollsten Pilotenfilme angesehen und die besten Wirkungen betrachtet. Später beschwerte sich zwar jeder Kritiker darüber, dass sich Objekte im Weltall nicht so bewegen wie Doppeldecker, aber die Szenen in Star Wars sind deshalb so mitreißend, weil Lucas eine bewährte Dramaturgie einsetzte.

Jetzt erst kommt das SF-Genre in Betracht. Ist die persönliche Entwicklung der Person wichtiger als das Abenteuer? Inner Space. Selbst wenn das später auf dem Mars spielt. Geht es um die Action und viel Technik, selbst wenn es auf der Erde ist? Hard/ Outer Space. Und dann die besten Filme dieses Genres betrachten und etwas daraus lernen. Hier dreht es sich nicht darum, unkreativ Kopien zu erzeugen und statisch nachzumachen. Griechische Tragödien waren deshalb so strukturbildend und inspirierend für Kreative, weil es sich um Grundsätzliches, Existentielles drehte. So etwas gibt es auch in der Erdumlaufbahn und weiter draußen.

Und erst jetzt ganz am Ende kommen die Ausstattungsmerkmale, die Zutaten, die Bühne, also Weltall, Roboter, Laserschwerter oder dystopische Zukunftsstädte. Eben die Ausstattung und Szenerie, die zu Story und Genre passt. Aber eben nur die.

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