Gravity – Das Drehbuch

Ein Science Fiction Film der unzählige Oscars bekommt (wenn auch nicht für das Drehbuch), das müssen wir doch hier mal anschauen. Wenn man natürlich auch darüber diskutieren könnte, ob das SF ist, schließlich kommt darin nichts vor, was es nicht schon gäbe. Keiner redet dort oben mit Außerirdischen und es schwebt nichts herum, was nicht vergleichbar schon oben wäre. Schließlich wird der Film auch eher als „Weltraum-Thriller“ o.ä. vermarktet. Und auf dem Drehbuch steht „A Space Suspense in 3D“. Aber egal, die Location Weltall ist einfach tradititionell von den SF-Leuten gebunkert 🙂

Gravity

Wir wollen auch hier nicht von dem Film selbst reden (oder darüber schreiben), sondern nur über das Drehbuch. Eben genauso was vor einem liegt, bevor der Film überhaupt produziert wird. Und eigentlich ist das ja lustig genug: Ein so visueller Film hat ein ganz klassisches Drehbuch. Das fand ich früher oft schwer nachzuvollziehen: Wenn der Filmer etwas betont Visuelles vorhat, muss das doch von Anfang an visuell vermittelt werden, oder? Also wie in einem Storyboard (einer der Gründe wieso ich in den 80ern Zeichenstunden hatte). Nein, „Gravity“ hat ein Drehbuch derselben Form wie für ein intellektuelles Drama, bei dem die Protagonisten die ganze Zeit redend zuhause im Schaukelstuhl sitzen.

Das Drehbuch zu Gravity liest sich sehr flüssig, um nicht zu sagen flott. Nicht weil es kurz wäre, sondern weil es schnörkellos und klar aufgesetzt ist und die Dramaturgie stimmt. Der Leser wird von einer Szene in die andere gesogen und kann sich vorstellen, was für eine High-Speed-Action das später im Film wohl sein wird. Zwei Dinge fallen aber auf und ich glaube, gerade wenn man eben nur das Drehbuch liest: der „Last-Second“-Extremismus und die Geradlinigkeit der Story. In jeder Szene ist es wirklich die allerletzte Sekunde, in der Irgendwas erreicht wird und direkt wenn die Heldinn irgendwo ankommt, fliegt das auch in die Luft. Sofort … Steigert Tempo und das Empfinden der Extremsituation, aber beim Lesen fragt man sich bald, wie oft dieser Action-Trick denn noch verwendet werden wird.

Gravity_Script

Und die Geradlinigkeit. Nun, eigentlich rauscht die Story ziemlich glatt durch bis ans Ende (was nicht heißt, dass es für die Heldin glattgeht …). Wirkliche Überraschungen gibt es eigentlich nicht. Es ist „Schafft Sie das? Ah, ja … OK, schafft sie das auch noch? Ah ja!“ bis zur Landung. Und da denke ich schon, dass es erstaunlich ist, dass im 21. Jahrhundert ein viel reduktionistischerer Stil vorherrscht als in Zeiten, die nicht über diese visuellen Möglichkeiten verfügten. Es gibt viel mehr zu erzählen zwischen Himmel und Erde und im Vergleich gibt es Kurzgeschichten aus den 50ern die ideenreicher sind.

Was beim Lesen mit etwas Abstand auch positiv auffällt: man kann nur mit 1 1/2 Charakteren allerhand hinbekommen. OK, zu Beginn nervte mich dieses Klischee „sprüchekloppender cooler Veteran versus verhuschtes Weibchen“ etwas, aber den Veteran erlegt es ja ziemlich schnell und danach ist es ein einzelner Charakter, der den ganzen Film trägt. Dr. Stone redet zwar zwischenrein auch mit eingebildeten Astronauten und zufälligen Funkkontakten, aber interessanter finde ich das Reden mit der nicht erreichbaren Bodenstation („Houston in the blind“). Eine leichte Methode, damit die Hauptfigur darüber sprechen kann, was ihr so im Kopf herumgeht. D.h. es wird trotz der bildgewaltigen, temporeichen Action viel gesprochen im Drehbuch zu Gravity.

Eine Sache bleibt, die mich unbefriedigt lässt. Das ist die Story mit der verlorenen Tochter. Darauf baut ja viel auf. Oder zumindest liest man das in der Interpretation so. Über diese Story kommen sich Stone und Kowalski zum ersten Mal näher. Sie ist die Basis des Ratschlags „Stone müsse loslassen“ und damit die zentrale Prämisse. Stone ist demzufolge überhaupt nur ins Weltall, um vor dieser Story zu entfliehen (wenn man es noch weiter treibt: der Schwerkraft zu entfliehen, die ihre Tochter tötete) und nur wenn sie die Story loslässt, neben allen möglichen herumtreibenden Kabeln, Kowalski und sonstigen materiellen und mentalen Balast, kann sie überleben. Deshalb wird dann auch noch auf die embryonale Stellung als Symbol einer Wiedergeburt hingewiesen usw.

Es ist ein „Circle of Being“ nach Syd Field, also ein Fall in der Vergangenheit des Charakters, der emotionale Parallelen zum aktuellen Geschehen aufweist, meist etwas Dramatisches. Und damit schließt sich sich in Gravity ein Kreis für Dr. Stone, das Ganze ist perfekt durchkomponiert  und die zentrale Prämisse, das zentrale Ziel des Hauptcharakters ist etwas Anderes als das blanke Überleben im Weltall. Die Frage ist, ob das funktioniert. Meiner Ansicht nach nicht.

Mein Kriterium dafür ist, ob man diese Story weglassen kann und sich dadurch irgendwas am Film ändert. Und man kann sie prima weglassen, Kowalski und Stone können sich auch anders näherkommen, z.B. durch die Krisensituation. Und Dinge loszulassen, die am Überleben im Weltall hindern, kann auch durch genau dieses Überleben motiviert sein. Also als eine Backstory, die dem Charakter etwas Tiefe gibt, meinetwegen, aber nicht um mit dermaßen Bedeutung aufgeladen zu werden.

Zur Gesamtstruktur von Gravity hat Ben Frame noch ein Beat Sheet nach Blake Snyders Template aufgebaut. Interessante Lektüre. Auch hier wird das zentrale Thema nach dem Setup mit „Learn to let go“ angegeben:

Theme Stated: – “You’ve got to learn to let go. Learn how to let go…” is advice that Matt keeps offering Ryan throughout their journey and struggles in space. These words not only speak to Ryan’s current predicament of being stuck in space but also comment on her emotional backstory and journey, as she must learn to ultimately let go of her previous problems and grow to be a better, stronger person.

Zusammenfassend: Flottes, schnörkelloses Actiondrehbuch, dessen tieferer emotionaler Überbau aufgesetzt und nicht wirklich nötig ist.

 

 

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