Operation Ganymed – Das Drehbuch

Wie den Lesern dieses Blogs wohl bekannt ist, bin ich ein großer Rainer Erler-Fan. Immer wieder wundert mich, dass seine Filme kaum mehr im deutschen Fernsehen liefen, gerade einmal zu seinem 80. Geburtstag „Fleisch“ und eine Folge des „Blauen Palais“. Dabei war sein Stil für mich bahnbrechend, und ich bin erstaunt, wie aktuell einiges inhaltlich noch ist (wenn auch nicht in Bezug auf die Optik 🙂 )

Das Besondere am Erler-Stil liegt in der Kombination eines Dokumentarfilm-Ansatzes mit Thrillerstruktur, etwas was er selbst auch Science Thriller tauft. Dabei ist das Dokumentarische und die Spielhandlung innig miteinander verschmolzen, eben gerade nicht wie heute in den wenig durchdachten Dokudramen, bei denen eine klassische Dokumentation von Spielszenen durchbrochen wird. Meisterhaft ist die Fusion-Gattung in Die Delegation zu sehen, einem Film über Ufo-Sichtungen. Eine fiktive Fernsehsendung untersucht den Tod eines der Journalisten des Senders anhand des Drehmaterials das bei ihm gefunden wurde. Darin interviewt der (fiktive) Journalist auf echten Veranstaltungen oder bei tatsächlichen Behörden wirkliche  Wissenschaftler oder andere mit dem Thema Beschäftigte. Also ein Spielfilm, der auf zwei Ebenen eine Dokumentation simuliert, dabei gleichzeitig spannend ist und das Thema von zahlreichen Blickwinkeln beleuchtet. Wie viele Themen gibt es erst heute im Rahmen der technologischen Entwicklung, die dringend einen Regisseur vom Schlage eines Erler benötigen würden!

In seiner Hochzeit war Erler eine Art Autorenfilmer, er schrieb die Drehbücher zu seinen Filmen selbst (teilweise auch die Romane dazu). Anaylsieren wir also hier einmal den Story-Aufbau eines Rainer Erler Films, nämlich Operation Ganymed. Der Inhalt ist ja denke ich bekannt: Astronauten kommen zurück von einer verlustreichen Expedition zum Ganymed. Aber statt in der Erdumlaufbahn erwartet und dann auf der Erde mit Konfettiparade begrüßt zu werden, treffen sie auf Schweigen auf allen Kanälen. Nur der Zuschauer weiß, dass die Erde sie längst aufgegeben hat und die Expedition als gescheitert betrachtet wird. So müssen sie notlanden und treffen an der Küste einer öden Wüstenlandschaft auf. Von hier versuchen sie bewohnte Gebiete zu erreichen. Nach einigen Strapazen und zerstörten Hoffnungen kommen ihnen Zweifel, ob es überhaupt noch Bewohner gibt, die sie finden können. Im Zuge dieses Überlebenskampf brechen alle Konflikte auf, die im Team durch die Anforderungen des Weltraumaufenthalts bisher unter der Decke blieben (für weitere Inhaltsangabe hier).

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Zuerst die Struktur in großen Zügen: Wie gewöhnlich ist der Film grob dreigeteilt: Die Einleitung spielt noch im Raumfahrzeug, mit dem die Astronauten wohlgelaunt und in freudiger Erwartung zurückkehren. Mit rund einer halben Stunde ist dieses Setup für heutige Gepflogenheiten ungewöhnlich lang, allerdings ohne langweilig zu sein. Wir lernen in abgeschlossener Umgebung alle Charaktere gut kennen, ihre Eigenheiten und ihr Wechselspiel. Kommandant Mac z.B. ist rational und knapp, Don ein wenig schräg und will die Aussicht auf die Erde genießen etc. Dass die Expedition aus viel mehr Menschen bestand wird zwar erwähnt, auch dass es da so die eine oder andere Katastrophe gab, aber nicht im Detail geklärt. Die Astronauten sind froh, dass es bald vorbei ist und guter Stimmung.

Außerdem verstehen wir, dass es eine internationale Expedition war, und davon jetzt Amerikaner, Europäer und ein Russe übrig sind. Alle wirken wie ein zusammengeschweißtes Team, nur  Don, einer der Europäer, wird als ein wenig versponnen und exotisch betrachtet, vielleicht auch ein wenig weich. Der erste Part wird beendet durch die Entscheidung, nicht mehr zu warten, sondern (durch Energiemangel erzwungen) selbst zu landen.

Der zweite Part ist geprägt durch die ersten Suchtripps in der Wüstenlandschaft, die Möglichkeit selbst Trinkwasser zu erzeugen, was aber nicht reichen wird und beginnende Differenzen über die (wortwörtlich) Vorgehensweise. Es gibt zwei Möglichkeiten das Ende des zweiten Parts zu definieren. Es könnte der Moment sein, in dem die Astronauten eine Ortschaft finden, die sich aber als verlassen herausstellt. Dort finden sie auf einer Schulkarte heraus wo sie sind, und wo sie sich hinwenden müssen. Das könnte man als Wendepunkt betrachten, weil die Ortschaft eben wieder Erwarten verlassen ist, außerdem weil hier herauskommt, dass Don die ganze Zeit nicht etwa die Bordapotheke mitschleppt (worin auch Tabletten zur Wasserdesinfektion wären), sondern seine Wasserproben von einem Kratersee auf dem Ganymed (Don ist Exobiologe).

Schlüssiger ist aber, eine spätere Szene als das Ende von Teil 2 zu betrachten, nämlich wenn die Astronauten die Straße nach San Diego erreichen, die völlig mit Sand verschüttet ist, nebst einem havarierten Flugzeug. Erst hier kommt der böse Verdacht auf, der im Schlußteil die Gruppe auseinander treibt und zu Streit, Mord, Kannibalismus und mehr führt. Die Idee, dass es vielleicht keine Menschen mehr gibt, die sie finden können, da sie sich in einem Atomkrieg aufgerieben haben. Das ist der „All is lost“-Moment, der das Schlußdrama einleitet. Nur Russen und Amerikaner wären die potentiellen Treiber eines solchen Krieges. Und ebenso wie die Astronauten ihre von der Sonne verbrannte Haut jetzt als Strahlungsschäden interpretieren, treibt die Idee einen Keil zwischen den russischen Teilnehmer und die amerikanische Gruppe. Am Ende des Films liegen sich die beiden entgegengesetztesten Charaktere in den Armen und nur der Softie überlebt.

Das ist bis auf eine Ausnahme sehr geradlinig inszeniert und erzählt. Die Ausnahme ist eine Rückblende, die in der ersten Hälfte des Filmes immer als kurzer Flasback von Don auftritt und die Neugier des Zuschauers treibt, zu erfahren, was wirklich auf dem Ganymed passiert ist. Also ein Spannungselement in zwei Richtungen: was die Zukunft und was die Vergangenheit der Astronauten betrifft. Erst spät wird die ganze Geschichte erzählt, bei dem zwei Expeditionsteilnehmer bei dem Versuch ums Leben kommen, Wasserproben mit biologischem Material aus einem Kratersee zu entnehmen. Don leitet dabei diesen „Ausflug“, überlebt aber als einziger. Das erklärt, wieso er um jeden Preis diese Proben mitnehmen will. Sie sind das Einzige das der gesamten Expedition und den zahlreichen Toten einen Sinn verleit: der Beweis für extraterrestrisches Leben. Und diese Geschichte schlägt den Bogen zum völlig illusionslosen Schluss (der übrigens in der Wikipedia-Inhaltsangabe völlig verkannt wird): Als Don in einer Hitzevision sieht, dass der Welt seine Proben völlig egal sein werden, dass sich die Presse nur dafür interessieren wird, wie es mit dem Sex auf dem langen Raumflug war, lässt er sie in der Wüste liegen, bevor er eine belebte Siedlung erreicht.

 

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