Historische Kostüme im Wurmloch

Ich weiß ja, dass sich viele Bekannte aus der Starship Century Bewegung sehr auf den Film Interstellar gefreut haben. Schließlich möchten sie das Augenmerk wieder auf die Möglichkeiten der interstellaren Raumfahrt lenken. In Blogs und Büchern arbeiten sie sehr präzise die technischen Möglichkeiten aus, aber auch die zivilisatorischen Notwendigkeiten, die zu solchen Aktivitäten führen könnten. Passt soweit.

Nur wurde ich bereits durch den Trailer so angenervt, dass ich nicht mehr wirklich motiviert bin, den Film anzusehen. Wodurch? Durch die Astronautenanzüge! Das kann doch einfach nicht wahr sein! Da fliegen Menschen durch Wurmlöcher und biegen den Raum und tragen dieselben Anzüge wie schon immer? OK, jetzt argumentiert sicherlich der eine oder andere, die Zivilisation im Film wäre technologisch schwer zurückgeworfen, mit einer Underground-NASA, die Leute könnten froh sein, überhaupt Raumanzüge zu haben. Oder das sei eben ein unverzichtbares genretypisches Element. Das könne man nicht einfach durch etwas Spannenderes ersetzen.

Für mich alles Unsinn. Da ist ja interessanter, was wir aktuell tragen können. Smart Wearables. Oder die Tech-Stoffe mit digitalen Nebeneigenschaften. Nanotechnologie kommt in der Couture an und dann schauen wir uns Filme an, in denen Astronauten denselben Kleidungsstil haben wie bei Operation Ganymed von Rainer Erler oder den echten Raummissionen … der 60er?

Wie wäre es mit enganliegenden Digitalklamotten mit regelbaren Eigenschaften? Oder gesteuerten Schutzfeldern? Oder direkt einem angepassten Körper? Irgendetwas, das einen Hauch Zukunft verkörpert? Wir erzählen ein episches Zukunftsgarn und tragen mittelalterliches Sackleinen? Mich langweilt das.

stahlelefant

Ich kann mir nicht helfen, das wirkt wie der Stahlelefant bei Jules Verne, in dem Engländer in einem dampfmaschinengetriebenen Elefant komplett mit heimeligem Clubzimmer durch Indien reisen. Das muss schon nostalgisch gewirkt haben, als es geschrieben wurde (das Auto wurde nur 5 Jahre später erfunden). Und wir leben in einem Zeitalter, in dem die NBICs unser Leben auf den Kopf stellen, mit einer Innovationsrate wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte und haben nicht die Vision, unseren Zukunftshelden etwas Vernünftiges anzuziehen?

Advertisements

Szeanarien aus Filmen, Fragen zur Zukunft, beantwortet von Futuristen

Das Institute of Customer Experience, der indische Arm der World Future Society hat ein Projekt durchgeführt, das gut zu unserem Blog hier passt. Sie haben sich einige Futuristen ausgesucht und mit ihnen in einem Google Hangout über Science Fiction Filme geredet. Was haben diese Filme mit der Erforschung der Zukunft, mit Szenarien und Technologien zu tun?

WFS_Group-poster_edited-581x1024

Hier geht es zum ICE-Youtube-Kanal.

Operation Ganymed – Das Drehbuch

Wie den Lesern dieses Blogs wohl bekannt ist, bin ich ein großer Rainer Erler-Fan. Immer wieder wundert mich, dass seine Filme kaum mehr im deutschen Fernsehen liefen, gerade einmal zu seinem 80. Geburtstag „Fleisch“ und eine Folge des „Blauen Palais“. Dabei war sein Stil für mich bahnbrechend, und ich bin erstaunt, wie aktuell einiges inhaltlich noch ist (wenn auch nicht in Bezug auf die Optik 🙂 )

Das Besondere am Erler-Stil liegt in der Kombination eines Dokumentarfilm-Ansatzes mit Thrillerstruktur, etwas was er selbst auch Science Thriller tauft. Dabei ist das Dokumentarische und die Spielhandlung innig miteinander verschmolzen, eben gerade nicht wie heute in den wenig durchdachten Dokudramen, bei denen eine klassische Dokumentation von Spielszenen durchbrochen wird. Meisterhaft ist die Fusion-Gattung in Die Delegation zu sehen, einem Film über Ufo-Sichtungen. Eine fiktive Fernsehsendung untersucht den Tod eines der Journalisten des Senders anhand des Drehmaterials das bei ihm gefunden wurde. Darin interviewt der (fiktive) Journalist auf echten Veranstaltungen oder bei tatsächlichen Behörden wirkliche  Wissenschaftler oder andere mit dem Thema Beschäftigte. Also ein Spielfilm, der auf zwei Ebenen eine Dokumentation simuliert, dabei gleichzeitig spannend ist und das Thema von zahlreichen Blickwinkeln beleuchtet. Wie viele Themen gibt es erst heute im Rahmen der technologischen Entwicklung, die dringend einen Regisseur vom Schlage eines Erler benötigen würden!

In seiner Hochzeit war Erler eine Art Autorenfilmer, er schrieb die Drehbücher zu seinen Filmen selbst (teilweise auch die Romane dazu). Anaylsieren wir also hier einmal den Story-Aufbau eines Rainer Erler Films, nämlich Operation Ganymed. Der Inhalt ist ja denke ich bekannt: Astronauten kommen zurück von einer verlustreichen Expedition zum Ganymed. Aber statt in der Erdumlaufbahn erwartet und dann auf der Erde mit Konfettiparade begrüßt zu werden, treffen sie auf Schweigen auf allen Kanälen. Nur der Zuschauer weiß, dass die Erde sie längst aufgegeben hat und die Expedition als gescheitert betrachtet wird. So müssen sie notlanden und treffen an der Küste einer öden Wüstenlandschaft auf. Von hier versuchen sie bewohnte Gebiete zu erreichen. Nach einigen Strapazen und zerstörten Hoffnungen kommen ihnen Zweifel, ob es überhaupt noch Bewohner gibt, die sie finden können. Im Zuge dieses Überlebenskampf brechen alle Konflikte auf, die im Team durch die Anforderungen des Weltraumaufenthalts bisher unter der Decke blieben (für weitere Inhaltsangabe hier).

Bild

Zuerst die Struktur in großen Zügen: Wie gewöhnlich ist der Film grob dreigeteilt: Die Einleitung spielt noch im Raumfahrzeug, mit dem die Astronauten wohlgelaunt und in freudiger Erwartung zurückkehren. Mit rund einer halben Stunde ist dieses Setup für heutige Gepflogenheiten ungewöhnlich lang, allerdings ohne langweilig zu sein. Wir lernen in abgeschlossener Umgebung alle Charaktere gut kennen, ihre Eigenheiten und ihr Wechselspiel. Kommandant Mac z.B. ist rational und knapp, Don ein wenig schräg und will die Aussicht auf die Erde genießen etc. Dass die Expedition aus viel mehr Menschen bestand wird zwar erwähnt, auch dass es da so die eine oder andere Katastrophe gab, aber nicht im Detail geklärt. Die Astronauten sind froh, dass es bald vorbei ist und guter Stimmung.

Außerdem verstehen wir, dass es eine internationale Expedition war, und davon jetzt Amerikaner, Europäer und ein Russe übrig sind. Alle wirken wie ein zusammengeschweißtes Team, nur  Don, einer der Europäer, wird als ein wenig versponnen und exotisch betrachtet, vielleicht auch ein wenig weich. Der erste Part wird beendet durch die Entscheidung, nicht mehr zu warten, sondern (durch Energiemangel erzwungen) selbst zu landen.

Der zweite Part ist geprägt durch die ersten Suchtripps in der Wüstenlandschaft, die Möglichkeit selbst Trinkwasser zu erzeugen, was aber nicht reichen wird und beginnende Differenzen über die (wortwörtlich) Vorgehensweise. Es gibt zwei Möglichkeiten das Ende des zweiten Parts zu definieren. Es könnte der Moment sein, in dem die Astronauten eine Ortschaft finden, die sich aber als verlassen herausstellt. Dort finden sie auf einer Schulkarte heraus wo sie sind, und wo sie sich hinwenden müssen. Das könnte man als Wendepunkt betrachten, weil die Ortschaft eben wieder Erwarten verlassen ist, außerdem weil hier herauskommt, dass Don die ganze Zeit nicht etwa die Bordapotheke mitschleppt (worin auch Tabletten zur Wasserdesinfektion wären), sondern seine Wasserproben von einem Kratersee auf dem Ganymed (Don ist Exobiologe).

Schlüssiger ist aber, eine spätere Szene als das Ende von Teil 2 zu betrachten, nämlich wenn die Astronauten die Straße nach San Diego erreichen, die völlig mit Sand verschüttet ist, nebst einem havarierten Flugzeug. Erst hier kommt der böse Verdacht auf, der im Schlußteil die Gruppe auseinander treibt und zu Streit, Mord, Kannibalismus und mehr führt. Die Idee, dass es vielleicht keine Menschen mehr gibt, die sie finden können, da sie sich in einem Atomkrieg aufgerieben haben. Das ist der „All is lost“-Moment, der das Schlußdrama einleitet. Nur Russen und Amerikaner wären die potentiellen Treiber eines solchen Krieges. Und ebenso wie die Astronauten ihre von der Sonne verbrannte Haut jetzt als Strahlungsschäden interpretieren, treibt die Idee einen Keil zwischen den russischen Teilnehmer und die amerikanische Gruppe. Am Ende des Films liegen sich die beiden entgegengesetztesten Charaktere in den Armen und nur der Softie überlebt.

Das ist bis auf eine Ausnahme sehr geradlinig inszeniert und erzählt. Die Ausnahme ist eine Rückblende, die in der ersten Hälfte des Filmes immer als kurzer Flasback von Don auftritt und die Neugier des Zuschauers treibt, zu erfahren, was wirklich auf dem Ganymed passiert ist. Also ein Spannungselement in zwei Richtungen: was die Zukunft und was die Vergangenheit der Astronauten betrifft. Erst spät wird die ganze Geschichte erzählt, bei dem zwei Expeditionsteilnehmer bei dem Versuch ums Leben kommen, Wasserproben mit biologischem Material aus einem Kratersee zu entnehmen. Don leitet dabei diesen „Ausflug“, überlebt aber als einziger. Das erklärt, wieso er um jeden Preis diese Proben mitnehmen will. Sie sind das Einzige das der gesamten Expedition und den zahlreichen Toten einen Sinn verleit: der Beweis für extraterrestrisches Leben. Und diese Geschichte schlägt den Bogen zum völlig illusionslosen Schluss (der übrigens in der Wikipedia-Inhaltsangabe völlig verkannt wird): Als Don in einer Hitzevision sieht, dass der Welt seine Proben völlig egal sein werden, dass sich die Presse nur dafür interessieren wird, wie es mit dem Sex auf dem langen Raumflug war, lässt er sie in der Wüste liegen, bevor er eine belebte Siedlung erreicht.

 

Gravity – Das Drehbuch

Ein Science Fiction Film der unzählige Oscars bekommt (wenn auch nicht für das Drehbuch), das müssen wir doch hier mal anschauen. Wenn man natürlich auch darüber diskutieren könnte, ob das SF ist, schließlich kommt darin nichts vor, was es nicht schon gäbe. Keiner redet dort oben mit Außerirdischen und es schwebt nichts herum, was nicht vergleichbar schon oben wäre. Schließlich wird der Film auch eher als „Weltraum-Thriller“ o.ä. vermarktet. Und auf dem Drehbuch steht „A Space Suspense in 3D“. Aber egal, die Location Weltall ist einfach tradititionell von den SF-Leuten gebunkert 🙂

Gravity

Wir wollen auch hier nicht von dem Film selbst reden (oder darüber schreiben), sondern nur über das Drehbuch. Eben genauso was vor einem liegt, bevor der Film überhaupt produziert wird. Und eigentlich ist das ja lustig genug: Ein so visueller Film hat ein ganz klassisches Drehbuch. Das fand ich früher oft schwer nachzuvollziehen: Wenn der Filmer etwas betont Visuelles vorhat, muss das doch von Anfang an visuell vermittelt werden, oder? Also wie in einem Storyboard (einer der Gründe wieso ich in den 80ern Zeichenstunden hatte). Nein, „Gravity“ hat ein Drehbuch derselben Form wie für ein intellektuelles Drama, bei dem die Protagonisten die ganze Zeit redend zuhause im Schaukelstuhl sitzen.

Das Drehbuch zu Gravity liest sich sehr flüssig, um nicht zu sagen flott. Nicht weil es kurz wäre, sondern weil es schnörkellos und klar aufgesetzt ist und die Dramaturgie stimmt. Der Leser wird von einer Szene in die andere gesogen und kann sich vorstellen, was für eine High-Speed-Action das später im Film wohl sein wird. Zwei Dinge fallen aber auf und ich glaube, gerade wenn man eben nur das Drehbuch liest: der „Last-Second“-Extremismus und die Geradlinigkeit der Story. In jeder Szene ist es wirklich die allerletzte Sekunde, in der Irgendwas erreicht wird und direkt wenn die Heldinn irgendwo ankommt, fliegt das auch in die Luft. Sofort … Steigert Tempo und das Empfinden der Extremsituation, aber beim Lesen fragt man sich bald, wie oft dieser Action-Trick denn noch verwendet werden wird.

Gravity_Script

Und die Geradlinigkeit. Nun, eigentlich rauscht die Story ziemlich glatt durch bis ans Ende (was nicht heißt, dass es für die Heldin glattgeht …). Wirkliche Überraschungen gibt es eigentlich nicht. Es ist „Schafft Sie das? Ah, ja … OK, schafft sie das auch noch? Ah ja!“ bis zur Landung. Und da denke ich schon, dass es erstaunlich ist, dass im 21. Jahrhundert ein viel reduktionistischerer Stil vorherrscht als in Zeiten, die nicht über diese visuellen Möglichkeiten verfügten. Es gibt viel mehr zu erzählen zwischen Himmel und Erde und im Vergleich gibt es Kurzgeschichten aus den 50ern die ideenreicher sind.

Was beim Lesen mit etwas Abstand auch positiv auffällt: man kann nur mit 1 1/2 Charakteren allerhand hinbekommen. OK, zu Beginn nervte mich dieses Klischee „sprüchekloppender cooler Veteran versus verhuschtes Weibchen“ etwas, aber den Veteran erlegt es ja ziemlich schnell und danach ist es ein einzelner Charakter, der den ganzen Film trägt. Dr. Stone redet zwar zwischenrein auch mit eingebildeten Astronauten und zufälligen Funkkontakten, aber interessanter finde ich das Reden mit der nicht erreichbaren Bodenstation („Houston in the blind“). Eine leichte Methode, damit die Hauptfigur darüber sprechen kann, was ihr so im Kopf herumgeht. D.h. es wird trotz der bildgewaltigen, temporeichen Action viel gesprochen im Drehbuch zu Gravity.

Eine Sache bleibt, die mich unbefriedigt lässt. Das ist die Story mit der verlorenen Tochter. Darauf baut ja viel auf. Oder zumindest liest man das in der Interpretation so. Über diese Story kommen sich Stone und Kowalski zum ersten Mal näher. Sie ist die Basis des Ratschlags „Stone müsse loslassen“ und damit die zentrale Prämisse. Stone ist demzufolge überhaupt nur ins Weltall, um vor dieser Story zu entfliehen (wenn man es noch weiter treibt: der Schwerkraft zu entfliehen, die ihre Tochter tötete) und nur wenn sie die Story loslässt, neben allen möglichen herumtreibenden Kabeln, Kowalski und sonstigen materiellen und mentalen Balast, kann sie überleben. Deshalb wird dann auch noch auf die embryonale Stellung als Symbol einer Wiedergeburt hingewiesen usw.

Es ist ein „Circle of Being“ nach Syd Field, also ein Fall in der Vergangenheit des Charakters, der emotionale Parallelen zum aktuellen Geschehen aufweist, meist etwas Dramatisches. Und damit schließt sich sich in Gravity ein Kreis für Dr. Stone, das Ganze ist perfekt durchkomponiert  und die zentrale Prämisse, das zentrale Ziel des Hauptcharakters ist etwas Anderes als das blanke Überleben im Weltall. Die Frage ist, ob das funktioniert. Meiner Ansicht nach nicht.

Mein Kriterium dafür ist, ob man diese Story weglassen kann und sich dadurch irgendwas am Film ändert. Und man kann sie prima weglassen, Kowalski und Stone können sich auch anders näherkommen, z.B. durch die Krisensituation. Und Dinge loszulassen, die am Überleben im Weltall hindern, kann auch durch genau dieses Überleben motiviert sein. Also als eine Backstory, die dem Charakter etwas Tiefe gibt, meinetwegen, aber nicht um mit dermaßen Bedeutung aufgeladen zu werden.

Zur Gesamtstruktur von Gravity hat Ben Frame noch ein Beat Sheet nach Blake Snyders Template aufgebaut. Interessante Lektüre. Auch hier wird das zentrale Thema nach dem Setup mit „Learn to let go“ angegeben:

Theme Stated: – “You’ve got to learn to let go. Learn how to let go…” is advice that Matt keeps offering Ryan throughout their journey and struggles in space. These words not only speak to Ryan’s current predicament of being stuck in space but also comment on her emotional backstory and journey, as she must learn to ultimately let go of her previous problems and grow to be a better, stronger person.

Zusammenfassend: Flottes, schnörkelloses Actiondrehbuch, dessen tieferer emotionaler Überbau aufgesetzt und nicht wirklich nötig ist.

 

 

SF-Schubladen

Hard und soft, Inner Space, Outer Space, Cyberpunk oder Space Opera … über die Geschichte der SF hinweg haben sich zahlreiche Subgenres herausgebildet, die unseren Skriptideen eine Heimat und eine Basisstruktur geben können. Denn ich habe ja im letzten Blogbeitrag beschrieben, dass es von Vorteil sein kann, sich an gelernten Erzählstrukturen zu orientieren. Natürlich diskutieren die Fans auf Cons hitzig darüber, was jetzt unter welches Etikett gehört, aber als Leitlinie sind sie trotzdem dienlich.

FamilyTreeStarten wir unsere Übersicht mit der SF-Literatur. Aus welchen Gründen auch immer ist sie deutlich vielfältiger als die Filmwelt, und nach meiner subjektiven Meinung gibt es auch mehr gute und überraschende SF-Romane als SF-Spielfilme. Und das ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass es bedeutend preiswerter ist, einen Roman zu schreiben als einen Film zu drehen.

Meine Basiskriterien zur Ordnung der Genres sind die Achsen Inner/ Outer Space und Hard/ Soft. Hard Science Fiction ist orientiert an Naturwissenschaft und Technik (weswegen dann oft Autoren dieses Zweiges vorgeworfen bekommen, sie würden „flache“ Figuren zeichnen), die Soft Seite beschäftigt sich stärker mit dem Menschen an sich, psychologisch oder soziologisch. Outer Space ist die Weite des Weltalls, Inner Space der Fokus auf die Erde oder die Innenwelt des Menschen. Fröhlich fortschrittsgläubige Autoren gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachen mit Technik ins All auf (also Hard/ Outer), die New Wave Autoren ab den 60ern kamen politisch und anderweitig skeptisch geworden wieder zurück auf die Erde und machten sich schreibend Gedanken, wie die Zukunft und die Technik auf die Menschen und ihr Zusammenleben wirken (also Soft/Inner).

Diese Achsen beinhalten ebenso den wechselnden Blick auf die Technologie wie den Wertewandel in der Gesellschaft. Auch die typischen Subgenres Utopie/ Dysutopie sind damit verbunden. Bei manchen Autoren kann man den Wandel innerhalb dieser Achsen in der Entwicklung des eigenen Werks nachvollziehen. So starteten z.B. die Brüder Strugazki mit Atomvulkan Golkonda in den 50ern noch sehr im Schwange der technisch getriebenen Expansion ins All, wurden aber bald düsterer und auf die Innenwelt der Figuren bezogen.

Die Space Opera ist nach heutiger Sicht das Äquivalent zum Abenteuerroman, nur eben in Zukunft und Weltall. In meiner Jugend waren das noch die Romane mit den actionreichen Weltraumschlachten, was man heute als „Military“ bezeichnen würde. Aber auch hier: Nicht alles was im Weltall spielt und abenteuerlich ist, kann als Space Opera bezeichnet werden.

Bleibt noch der Cyberpunk, sehr geprägt durch die Idee der virtuellen Welten, aber eigenartig neben den normalen Kriterien liegend. Technologiebetont, aber weder optimistisch noch expansiv. Düster, aber gleichzeitig actionbetont. Dirty-Ästhetik, aber künstlich und gestylt. New Wave als 80er Jahre-Chic. Und: obwohl durch 3D und Cyberspace geprägt ein ausgesprochen literarisches Genre.

Kommen wir zum Film. Dort sehen wir diese Subgenre-Entwicklung gespiegelt. Mit den Outer-Space betonten Anfängen von Frau im Mond die dann später in Star Wars (einer Kreuzung aus Märchen & Space Opera) und Star Trek kulminierten, was heute quasi für viel  Synonyme für SF Film sind. Zu Zeiten des Space Age erlebte das natürlich einen Boom, aber genauso wie die Gesellschaft in eine pessimistischere, skeptische und kämpferische Phase rückte, sieht man mit etwas Verzögerung auch die New Wave im Film.

Wie im sonstigen Kino. Der Stil des rau inszenierten, politischen, Independent-betonten New Hollywood passt genau zu den SF-Filmen dieser Zeit wie Soylent Green oder Der Omega Man. Selbst mit Naturwissenschaft befasste Filme wie Andromeda Strain spielen auf der Erde und sind desillusioniert. Filme im Weltall wie Lautlos im Weltall klingen eher wie ein Abschied vom Weltall, und sei es durch die Folkmusik. Auch Science Fiction Filme können Autorenfilme sein und das ganz im Sinne von Inner Space. Auch das lernen wir in den 70ern.

Und der Cyberpunk? Das ist für mich das am schlechtesten im Film repräsentierte SF-Buchgenre, trotz Matrix. Wie oben angedeutet, ist für Cyberpunk der Schreibstil sehr prägend (ich habe einmal vor Jahren den Schreibstil von William Gibson genau seziert). Und der ist sehr an Sprache orientiert, fast wie es Gedichte sind und damit nur unzulänglich zu visualisieren. Nimmt man die Digitalwelt aus den Roman zu wörtlich bei der Umsetzung wirkt das kalt und ohne Tiefe.

Soweit die grobe Landkarte der SF-Genres. Ich denke, man findet sich grob zurecht. Nur, wie kommt man jetzt zu den Leitlinien für das eigene Skript?

Oft werden Science Fiction Werke über typische Elemente, über Zutaten kategorisiert, wie eben Außerirdische, Roboter, Raumschiffe, Weltall oder dystopische Überwachungsstaaten. Oder einfach das Umfeld, wie das Weltall als Bühne. Bei genauerer Betrachtung hilft uns das aber nicht weiter, weil die Grundstruktur der Story durch etwas ganz Anderes geprägt wird. Nehmen wir als Beispiel die Außerirdischen. Ist damit jetzt etwas gemeint wie Alien? Oder ET? Oder einer der klassischen Paranoia-Filme des Kalten Kriegs? Oder Contact? Oder – ganz extrem – Solaris? Überall kommen Außerirdische vor. Aber Alien ist eigentlich ein Horrorfilm (ein „Monster in the house“ nach Snyder), Contact hat mehr mit der Entwicklung der Hauptfigur zu tun als mit den reichlich virtuellen Aliens und Solaris ist ein Psychotrip, der im Roman von Stanislaw Lem noch ernüchternd über die Unmöglichkeit berichtet, mit Außerirdischen zu kommunizieren, wenn man sie noch nicht mal als solche erkennt …

Für ein Drehbuch wäre also die Basis „ich will was mit Außerirdischen machen“ nicht sehr hilfreich. Da müssen wir unsere Motive tiefergehend erforschen. Also sich fragen „Was genau interessiert mich eigentlich an diesen Außerirdischen? Visuell herausragende Weltraumgefechte? Wie wir Menschen darauf reagieren? Was wir von ihnen lernen können? Wie wir mit einer Bedrohung umgehen könnten? Was sie über das Fremde in uns selbst sagen? Oder sind sie einfach ein Vorwand, dass Menschen eine Erkenntnis haben oder eine Technologie, die uns ermöglicht, etwas Spannendes zu tun?

Selbst wenn ich unbedingt einen Science Fiction Film schreiben will, ist es also besser, sich erstmal freizumachen von der Oberfläche und den eigentlichen Grund für die Geschichte zu finden. Das ist die Basis für das Genre, das ich eigentlich suchen muss. Vielleicht ist das ein Whodunit, ein Buddy-Movie oder ein antikes Drama. Schließlich basiert Forbidden Planet auch auf einer Shakespeare-Handlung …

In diesem Genre suche ich mir dann die großen Vorbilder, die besten Filme, die prägenden Filme und analysiere ihre Struktur. Hier finde ich das Gelernte, die Sehgewohnheiten, die nicht so einfach zu überbügeln sind. George Lucas hat sich für die Kampfszenen aus Star Wars unzählige der tollsten Pilotenfilme angesehen und die besten Wirkungen betrachtet. Später beschwerte sich zwar jeder Kritiker darüber, dass sich Objekte im Weltall nicht so bewegen wie Doppeldecker, aber die Szenen in Star Wars sind deshalb so mitreißend, weil Lucas eine bewährte Dramaturgie einsetzte.

Jetzt erst kommt das SF-Genre in Betracht. Ist die persönliche Entwicklung der Person wichtiger als das Abenteuer? Inner Space. Selbst wenn das später auf dem Mars spielt. Geht es um die Action und viel Technik, selbst wenn es auf der Erde ist? Hard/ Outer Space. Und dann die besten Filme dieses Genres betrachten und etwas daraus lernen. Hier dreht es sich nicht darum, unkreativ Kopien zu erzeugen und statisch nachzumachen. Griechische Tragödien waren deshalb so strukturbildend und inspirierend für Kreative, weil es sich um Grundsätzliches, Existentielles drehte. So etwas gibt es auch in der Erdumlaufbahn und weiter draußen.

Und erst jetzt ganz am Ende kommen die Ausstattungsmerkmale, die Zutaten, die Bühne, also Weltall, Roboter, Laserschwerter oder dystopische Zukunftsstädte. Eben die Ausstattung und Szenerie, die zu Story und Genre passt. Aber eben nur die.

Passgenaue Genre

Vielleicht ist es einigen ja eher nicht recht, über die Untergenres der Science Fiction nachzudenken. Man will ja beim Schreiben in Bereiche vorstoßen, die noch nie ein Mensch gesehen hat. Da ist eine Schublade wie ein Genre eher ungelegen. Die legt ja nahe, sich an ein Schema anzupassen, das schon oft zur Anwendung kam.

Blakeheadshot_croppedTrotzdem rät der Drehbuchberater Blake Snyder („Save the cat“), sein Genre genau zu kennen, alle Filme zu analysieren, die in dieses Genre fallen und erfolgreich waren und sich dann an die Spielregeln zu halten. Seine Argumentation ist, dass bestimmte Genrestrukturen „gelernt“ sind. Ein Zuschauer wäre irritiert, wenn es plötzlich anders weitergehen würde als in bisherigen Filmen. Und die Produzenten, die das Drehbuch überhaupt erst einmal in Betracht ziehen müssen, würden ebenfalls nicht auf Anhieb verstehen, worum es geht.

Das ist sicherlich für einen Kreativen ein frustrierender Rat. Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, sich damit zu versöhnen. Ich glaube Genres funktionieren nicht deshalb, weil das schon einmal jemand so als Film umgesetzt hat, sondern sie gehen weiter zurück in der menschlichen Kultur. Bestimmte Formen von Geschichten passen besonders leicht in unser Gehirn, weil sie dem Erleben der Menschen seit Tausenden von Jahren entsprechen. Bestimmte Dinge, Zusammenhänge, Abläufe waren überlebenswichtig und so reagieren wir darauf schneller. Und sie wirken existentieller. So wird das scheinbar oberflächliche Genre plötzlich etwas Tiefgründiges. Nicht umsonst sprechen Drehbuchtrainer so oft von Archetypen, Mythen und ähnlichem.

Bei Snyder bedeuten Genres ein wenig etwas anderes als bei Kaffeehaus-Gesprächen von Science-Fiction-Aficionados. Die reden über Space Opera und Inner Space. Dazu kommen wir gleich.

Snyder meint allgemeinere Genres, gibt aber auch einige Science-Fiction-Filme als Beispiel. Seine zehn „generischen“ Filmgenre sind:

  • Monster in the house (Alien)
  • Golden Fleece (Star Wars)
  • Out of the bottle
  • Dude with a problem
  • Rites of passage
  • Buddy Love
  • Whydunit
  • The Fool Triumphant
  • Institutionalized
  • Superhero

Ich werde auf die einzelnen Genretypen in diesem Blog bei Gelegenheit zurückkommen. Wichtig an dieser Stelle erst einmal: Solche Genres sind ziemlich unabhängig von dem Kontext in den sie gestellt werden. Will ich einen Buddy Love Film (Laurel und Hardy, Butch Cassidy and Sundance Kid …) schreiben, kann das ebenso ein Western sein, wie ein Krimi oder eben ein Science-Fiction-Film. Und damit kann ich mir auch Filme dieses generischen Genres anschauen, die aus einer anderen Kategorie kommen und die Struktur ergründen. Eben einen genialen Buddy Love Krimi nehmen und ihn ins All transportieren. Snyders Rat: Überlegen, in welche Kategorie das eigene Drehbuch-Vorhaben fällt. Dann die besten Filme aus diesem Genre ansehen und vergleichen, was sie jeweils besonders auszeichnet. Aber auch was die „ehernen Gesetze“, die Gemeinsamkeiten sind. Und dann: „Give me the same thing … only different!“

Und jetzt zu den Kaffeehausdiskussionen. Im nächsten Blogbeitrag.

Quelle Photo Blake Snyder: http://www.savethecat.com/