Szeanarien aus Filmen, Fragen zur Zukunft, beantwortet von Futuristen

Das Institute of Customer Experience, der indische Arm der World Future Society hat ein Projekt durchgeführt, das gut zu unserem Blog hier passt. Sie haben sich einige Futuristen ausgesucht und mit ihnen in einem Google Hangout über Science Fiction Filme geredet. Was haben diese Filme mit der Erforschung der Zukunft, mit Szenarien und Technologien zu tun?

WFS_Group-poster_edited-581x1024

Hier geht es zum ICE-Youtube-Kanal.

Advertisements

Story und Ratio

Ist es eigentlich sinnvoll, sich gleichzeitig mit den Drehbüchern und Skripten von richtigen Movies, aber auch denen von Dokumentarfilmen oder Informationsbeiträgen zu beschäftigen? Ist nicht bei den einen das Storytelling im Zentrum und bei den anderen die Fakten oder Informationen, ggf. das Didaktische?

Ich meine im Bereich Zukunft macht das eine Menge Sinn! Das geht schon beim Namen des Genre los: „Science Fiction“ ist ja nun der perfekte Ausdruck einer Melange von Storytelling mit rationalen Überlegungen zu Entwicklung. Also auch von Fiktion-Formaten und Fachthemen. Das liegt im Herzen der Zukunftswelt.

Aber es gibt auch methodische Gründe: Zukunftsforscher und damit auch die Leute, die Zukunftssichten in Dokumentationen packen, haben nämlich ein klassisches, in der Natur der Sache liegendes Problem. Die Zukunft ist eben noch nicht da, eigentlich gibt es da nichts zu zeigen! Wie soll sich der Leser, Zuschauer, Zuhörer das vorstellen? Deshalb packt man das in „Geschichten der Zukunft“, in Simulationen. Ein stellvertretender Normalbürger erlebt bestimmte Aspekte eines Zukunftsentwurfes, als sei diese Zukunft schon eingetreten. Aber wenn man dann nur angenommene Zukunftsfakten erzählt, ist das nicht wirklich „Erleben“.

Die Zukunftsmethode der Wahl dafür ist die Szenariotechnik. Erfunden in den 50ern durch RAND, im Detail entwickelt in den 60ern und 70ern  bei Shell durch Pierre Wack und Kollegen, spannt sie Szenarien der Zukunft auf, verschiedene mögliche Geschichten der Zukunft. Dass „Scenario“ schon ein wenig nach Hollywood klingt ist übrigens kein Zufall. Scenario-Planner wie Peter Schwartz sprechen auf von „Plot“, „Playern“ und „Driving Forces“ beim Skizzieren ihrer Szenarien.

Die Motivation für „Scenario Planning“ liegt in der Vorbereitung auf viele verschiedene Möglichkeiten. Ich sage darin nicht eine Zukunft voraus, sondern versuche zu ergründen, was es an verschiedenen möglichen Zukünften geben kann. Und überprüfe, wie ich in den jeweiligen Zukünften klarkäme. Jay Ogilvy nennt Szenarien Testbedingungen für den Windtunnel, um Strategien zu überprüfen.

Shell war so im Vergleich zu anderen Ölkonzernen vorbereitet, als die Ölkrise begann, sie hatten für dieses Szenario eben einen Plan in der Schublade.

Bei der Erarbeitung von Szenarien versucht man herauszufinden, welche Zukunftsentwicklungen „sicher“ sind und welche „unsicher“, aber mit großer Auswirkung. Die ergeben dann die Szenarien: geht die unsichere Entwicklung später in die eine Richtung, mündet sie in einem Szenario, geht sie in die andere, ergibt das eine alternative Zukunft. Jedes einzelne Szenario ist somit zusammengesetzt aus all den Entwicklungen, die zueinander passen, ist also in sich plausibel.

Scenario storylines have proven to be one of the most effective devices for mentally organising a large area of seemingly unrelated data.”  (Kees van der Heijden)

Nur, wie vermittelt man jetzt anderen Menschen diese sorgfältig ausgetüftelten Szenarien? Zu erzählen, dass in einem Szenario ein Faktor sich um 2% verschiebt und gleichzeitig ein anderer um 7% sinkt ist nicht sonderlich mitreißend. Also: Mit Geschichten!

Die Szenariotechnik hat verschiedene Vorteile:

  • Sie zeigt, dass es nicht eine voraussagbare Zukunft gibt, sondern einen ganzen Strauß an Zukünften und vermittelt Ideen, wovon es abhängt, welche davon ansatzweise Realität wird.
  • Sie kann leicht viele Meinungen und Wahrnehmungen von verschiedenen Menschen oder gesellschaftlichen Gruppierungen aufnehmen und einbinden. Und damit auch neue Perspektiven und Überraschungen fördern.
  • Durch die  Geschichten wird die Zukunft erlebbar. Menschen können in die Zukünfte „einsteigen“, sich einfühlen und überlegen, ob dies ein für sie wünschenswerter Zukunftsentwurf ist.

Und sie handeln von Menschen, Glaubenssätzen, Weltsichten, davon, wie Entscheidungen und Handlungen zustande kommen.

„Good scenarios are thinking and perception devices. They are not about forecasting highs and lows but about making a new reframed perspective visible.” (Kees van der Heijden)

Genauso wie Zukunftsstudien durch Geschichten erst greifbar werden, sind auch Doku-Formate daher im idealen Falle Geschichten über die Zukunft. Mit Darstellern, Eintauchen und Erleben. Deshalb sollten die Ersteller der Konzepte und Skripten das Handwerkszeug des Storytelling beherrschen.

Und umgekehrt? Wieso sollten Drehbuchautoren von SF-Spielfilmen das Handwerkszeug der Zukunftsforscher und Dokumentarleute beherrschen? Gut, bei einem phantasievollen, in der Zukunft angesiedelten Abenteuerfilm a la Star Wars mag es ja noch angehen, wenn die Plausibilität auf Figuren und ihre Handlungen beschränkt ist. Aber sonst wird es den Zuschauer aus der Geschichte kippen, wenn die Zukunft in der sie spielt nicht in sich schlüssig ist. Wenn bestimmte Entwicklung nur in einem sehr unwahrscheinlichen Fall gleichzeitig auftreten würden. Oder wenn sich die Figuren auf eine Art verhalten, die nicht zum Kontext passt. Bei allem liegt dann dem Skript kein durchdachtes Szenario zugrunde. Und das gilt nicht nur für Spielfilme, die einen fast dokumentarischen Stil haben (wie einige Plots von Rainer Erler). Besser also, ich entwerfe erst mit bewährten Methoden die Welt in der ich meine Geschichte ansiedele. Werkzeuge der Zukunftsforschung wie die Szenariotechnik liefern eine sinnvolle, plausible Struktur und Basis für fiktionale Formate bis hin zum Spielfilm.